Freiheit statt Angst – Es geht ums Ganze

Diesem Text vorausgegangen war, dass der Twitter-Hashtag “#prism” von
einer US-amerikanischen Sängerin mit 40 Millionen ‘Followern’ geflutet
wurde.  Zudem verdrängte die Kriegs-Propagande Syrien das Thema “NSA”
von den Titelseiten.  Der Hashtag “#fsa13″ flutete die Timeline
unserer Demo mit wahren Massen von Tweets über eine belanglose
Autoveranstaltung.  Wir sind keine Verschwörungstheoretiker – all das
kann auch Zufall sein.  Speziell Hashtags, die aus drei Buchstaben
bestehen und auf “13″ enden, sind nämlich naturgemäß sehr häufig.
Hier beschreibt Leena Simon, wie sie bemerkte, wie Überwachung,
Manipulation und Desinformation ihre Gefühle und ihr Denken vergiftet
und warum “Freiheit statt Angst” so wichtig ist, um den Verstand zu
behalten – und persönliche Sicherheit wiederzufinden.

Ein Brief von Leena Simon an Freunde, Verwandte und Bekannte:

Heute möchte ich die Menschen außerhalb meiner Blase erreichen. Da das über mein Blog nicht so gut geht, habe ich unten stehenden Text an diese Menschen meines Umfelds geschrieben (als Brief), die ich sonst nicht so gut erreiche. Hier steht er primär, um euch zu inspirieren, auch außerhalb eurer Bubble zu werben. (Wie alle meine Texte steht auch dieser unter CC-Lizenz)

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich schreibe euch, weil ich Angst habe. Angst vor dem Verlust von Individualität und Freiheit. Und Angst davor, mein Urteilsvermögen zu verlieren. Seit Wochen hören wir eine Hammermeldung nach der anderen. Über die systematische Vollerfassung all unserer Kommunikationsvorgänge. Was bis vor kurzem als Verschwörungstheorie galt, ist nun traurige Gewissheit. Und wieder einmal frage ich mich, warum es niemanden zu interessieren scheint. Das Thema ist nicht so gut greifbar und verständlich, doch wir wissen: Wer viel über andere Menschen weiß, kann sie manipulieren und kontrollieren.
Seit ich nicht mehr weiß, was ich denken soll, erwische ich mich immer häufiger dabei, meine eigenen Verschwörungstheorien zu spinnen. Plötzlich begegnet mir überall der Verdacht, dass auch dort manipuliert wurde und dass ich auch hier nur an der Nase herum geführt werde. Und je mehr Nachrichten von unmöglichsten Rechtsverstößen ans Licht kommen, umso glaubwürdiger werden diese Befürchtungen für mich. Nein, ich leide nicht unter Verfolgungswahn. Ich werde tatsächlich verfolgt. All meine Handlungen im Internet werden von einer nicht fassbaren Instanz verfolgt. Aber mehr weiß ich nicht. Während diese nicht greifbaren Personen alles über mich erfahren, werde ich im absoluten Unwissen gehalten.
Genau deshalb ist Überwachung so gefährlich für die Demokratie. Wie sollen wir noch “Souverän” sein, wenn wir nicht mehr wissen, worauf wir uns verlassen können?
Überwachung macht uns krank im Kopf. Die uneinschätzbare Kontrolle macht uns kaputt. Was wir jetzt erleben, ist nur der Anfang.

Erotik-unueberwacht

(Bild: … kann ich mir da noch so sicher sein …?)

Es kann dazu führen, dass mehr und mehr Menschen überall weiße Kanninchen sehen, weil wir nicht mehr wissen, worauf wir vertrauen können und worauf nicht.
Oder es lässt uns in Lethargie verfallen, weil uns egal ist, dass Demokratie und Freiheitsrechte mal eben im Vorbeigehen abgeschafft werden. Rechte, für die unsere Vorfahren ihre Leben riskiert und geopfert haben. Dabei macht es keinen Unterschied, ob wir es uns damit schönreden, dass wir eh nichts daran ändern können, oder ob wir uns nicht damit beschäftigen wollen, weil es zu unbequem wäre, sich mal ein wenig damit auseinanderzusetzen, was unsere Gemeinschaft eigentlich zusammen hält. Wir tragen die Verantwortung dafür. Genau so, wie die Bevölkerung Deutschlands damals die Verantwortung für die Machtübernahme Hitlers getragen hat. Die Menschen, wie meine Oma, die bis ins Alter behauptet hat, von der Judenverfolgung nichts gewusst zu haben. Unwissenheit schützt vor Verantwortung nicht.
Genau das ist nämlich die Bedeutung von “Demokratie”. Damit haben wir eben nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten zu erfüllen: unsere Verantwortung wahrzunehmen, unsere Freiheit zu verteidigen.
Wir behaupten, wir hätten aus der Geschichte gelernt. Doch das Niederlegen von Kränzen ist sinnlose Symbolik, wenn wir das Gelernte nicht anwenden. Wenn wir das nicht tun, dann haben wir rein gar nichts gelernt. Aus dem Nationalsozialismus nicht und auch nicht aus der DDR-Staatssicherheit. (Wie man dem Namen entnehmen kann, diente auch hier “Sicherheit” als Rechtfertigung für die schlimmsten Vergehen am Menschen.) Überwachung führt zu Repression. Überwachung ist Repression. Und bald schon werden wir uns von späteren Generationen fragen lassen müssen, warum wir das zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht verhindert haben.

Wir müssen jetzt auf die Straße gehen. Wir müssen dem Überwachungswahnsinn jetzt ein Ende bereiten. Noch können wir etwas erreichen: Am 07.09.2013 auf dem Alexanderplatz in Berlin wird es eine Großdemonstration gegen den Überwachungswahn geben. Ein großes Bündnis aus über 70 Organisationen hat dazu aufgerufen. So viele Gruppen bekommt man nur zusammen bei einem Thema, das alle etwas angeht. Ausreden zählen nicht! Wer an diesem Samstag nicht auf der Straße ist, darf nicht behaupten, aus der Geschichte gelernt zu haben. Es ist vielleicht noch nicht so spürbar, aber es geht ums Ganze.

Share
This entry was posted in FSA13, Gastbeitrag. Bookmark the permalink.

Comments are closed.